Mit uns tönt es besser

Der Lombard-Effekt

Unter Stressbedingungen verändert sich die Sprache und es kommt zu Aussprachevariationen. Es ändern sich Wortdauer, Aussprachfrequenz und zahlreiche weitere Parameter. Auch in Notfallsituationen, somit ebenfalls unter Stress, tendiert man instinktiv zu lauterem Sprechen um gehört zu werden. Stress entsteht aber bereits durch ein hohes Umgebungsgeräusch oder Lärm. Aber auch bei einer zusätzlichen Tätigkeit, sogar wenn sie nur einen kleinen oder aber einen grossen Teil der Konzentration beansprucht. Obschon das Gehirn die Wahrnehmung der eigenen Sprache durch Sinneshemmung ausblendet, besteht bei der so genannten „audio¬phonatorischen Rückkoppelung“ ein unbewusster Regelkreis. Der nach Etienne Lombard benannte Effekt hat ebenso zur Folge, dass bei einer Zunahme des Störgeräuschpegels um 1 dB, der Sprechpegel jeweils um 0.5 dB ansteigt.

Bei einem Gespräch passen sich die Kommunikationspartner bei verschiedenen Umweltsimulationen entsprechend den Umgebungsbedingungen an. Bei einem Telefongespräch wundern sich alle im Raum Anwesenden, dass eine Person plötzlich viel lauter und deutlicher redet als es zum Gespräch im Raum selbst eigentlich erforderlich wäre. Diese Erscheinung ist die amüsante Seite des Lombard-Effekts. In Grossraumbüros, welche nach DIN 18041, Hörsamkeit in kleinen bis mittelgrossen Räumen, heute meist kommunikationsintensiv genutzt werden, führt das zu sehr unerwünschten Nebeneffekten. Das Arbeiten in einem Call-Center mit lärmbelasteter Umgebung erfordert angestrengtes, lautes Sprechen. Diese zusätzliche Belastung, hat raschere Ermüdung zur Folge und führt in der lärmigen Umgebung zu Verständnisfehlern. Zeitaufwand und Belastung steigen dadurch weiter an. Eine laute, erhobene Stimme wirkt aber weniger sympathisch, sondern eher gestresst. Sie ist weniger differenziert und die Erfolgschancen für einen positiven Gesprächsverlauf sinken. Es benötigt also noch mehr Zeit und weitere Anstrengung um überzeugend zu wirken. Man fühlt sich zunehmend gestresst und dadurch sinkt die Motivation. Unnötige Erschöpfung und gesunkene Motivation vermindern abermals den Arbeitseinsatz, wodurch die Fehlerrate weiter steigt. Durch Stress auch körperlich geschwächt, steigt ausserdem das Erkrankungsrisiko. Durch krankheitsbedingte Ausfälle kommt es zu Rentabilitätseinbussen und diese haben Entlassungen zur Folge. Dieser Teufelskreis lässt sich in beliebigen Varianten immer weiterführen und die Folgen werden immer fataler. Leider ist auch in der neuen Norm SIA 181 (Schallschutz im Hochbau), unter Punkt 2.3 Lärmempfindlichkeit, Tabelle 1, die Nutzungsempfindlichkeit von Grossraumbüros wieder als „gering“ eingestuft worden.

Lärm-Pegel-Spirale

Noch verhängnisvoller wirkt sich der Lombard-Effekt in Schulzimmern mit schlechter Akustik aus. Die Kinder sind die Schwächsten, sie sind wehrlos und werden viel stärker in Mitleidenschaft gezogen als die Erwachsenen. Bei Untersuchungen in Deutschland hat man in gewissen Klassenräumen Pegel ab 50 dB(A) aufwärts, bis sogar zu 85 dB(A), gemessen. Maximal 45 dB(A) dürften es eigentlich sein. Durch diesen Lärm werden Lehr- und Lernresultate zum Teil erheblich beeinflusst. Es kommt dadurch zu schw-ren kognitiven Störungen und das Sozialverhalten wird teilweise irreparabel gestört. Zwischen 5% bis 15% der Kinder mit normaler Intelligenz haben inzwischen Schwierigkeiten beim Erlernen von Lesen und Schreiben. Man spricht von der Lese-Rechtschreibstörung (LRS). LRS betrifft aber nicht nur die Fähigkeit neue Wörter zu lesen, zu erkennen und so zu erlernen, sondern auch die Fähigkeit den Sinn bereits erlernter Wörter zu verstehen und den Zusammenhang im Kontext zu begreifen. LRS kann zum totalen schulischen Versagen führen. Im schlimmsten Fall hat das den kompletten Verlust der Ausbildungs- und Berufschancen zur Folge. Therapiert wird LRS mit einem Lese- und Rechtschreibetraining, welches von einem Intensivtraining der auditiven Wahrnehmungsfunktionen begleitet ist. Die WHO klassifiziert LRS, die Lese-Rechtschreibstörung, unter ICD-10, also „psychische Störungen“. Seit einiger Zeit werden intensive Studien zum Zusammenhang zwischen Schulraumakustik und den Resultaten der PISA-Studie durchgeführt. Inzwischen ist der Zusammenhang bewiesen und die Forschung wurde ausgeweitet. Gute Schulraumakustik ist so zum wichtigen Kriterium geworden.